Bewusstes Vergessen

Dass die Wiederholung von Gelerntem positive Effekte auf das Lernen und die Behaltensleistung hat, ist nichts Neues und lässt sich leicht nachvollziehen.

Doch wussten Sie, dass man auch gezielt vergessen kann, wenn man sich selbst nur oft genug dazu auffordert? Falls der Eine oder Andere sagt, dazu muss ich mich gar nicht erst auffordern, das passiert mir leider nur allzu oft, so geht es diesmal nicht um ein paar kluge Kommentare zu „Alzheimer light“, sondern um das Vergessen-Wollen oder aus dem Gedächtnis tilgen wollen. Dies kann beispielsweise bei negativen Erlebnissen (z.B.ein unangenehmes Gespräch) oder anderen Ärgerpotenzialen sowie bei Informationsüberfrachtung nützlich sein.

 

Mit amerikanischen Collegestudenten wurde ein interessantes Experiment durchgeführt: sie sollten sich bestimmte Begriffe merken und bestimmte Begriffe nicht merken. Aktiv wurden sie aufgefordert, die zu vergessenden Begriffe nicht zu sagen und nicht zu denken. Kann man dem Gehirn das Erinnern verbieten?

Das Ergebnis war erstaunlich: die Collegestudenten vergaßen tatsächlich, sich bestimmte Begriffe zu merken, je häufiger das Lernen aktiv unterdrückt wurde, desto sicherer das Vergessen.

Im Scanner wurde an den Versuchspersonen untersucht, welche Gehirnfunktionen dabei aktiv sind und welche „abgeschaltet“ werden. Es zeigte sich, dass in der Region des Hippocampus, der für die Einspeicherung von neuem Gedächtnismaterial und das Kurzzeitgedächtnis zuständig ist, keine Aktivität zu verzeichnen war. Dafür leuchteten jedoch die frontalen Funktionen.

Das Frontalhirn hatte sozusagen dem Hippocampus den Auftrag gegeben: „Das brauchst Du nicht einzuspeichern“. Etwas Ähnliches passiert, wenn man bestimmte Gefühle bewusst unterdrücken will. Das Frontalhirn wird aktiv, der Mandelkern (das Gefühlszentrum) schaltet ab. Man kann also auch – verkürzt gesagt - bewusst den „Verstand“ einschalten und Gefühle unter Kontrolle halten. Nach dem Motto: „Jetzt bleib mal cool“ können normalerweise automatisch reagierende Zentren gehemmt werden.

 

Daraus lassen sich folgende Tipps ableiten:

 

1. Wenn Sie sich gute Formulierungen einprägen und bestimmte Worthülsen wie z.B. „sag´ ich mal....“ abgewöhnen wollen, geben Sie sich dazu häufiger gedanklich den Auftrag: „vergiß ´sag ich mal´...........“ und wiederholen Sie mehrmals Formulierungen, die Ihnen gut gefallen. Es besteht eine gute Chance, schnell das richtige „Wording“ zu lernen und das falsche zu vergessen. Wichtig ist beim bewussten Vergessen, wie beim Lernen, die mehrmalige Wiederholung (je häufiger, desto nachhaltiger).

 

Übrigens wird von Immanuel Kant berichtet, er habe einmal aus Geldnot einen Diener namens Lampe entlassen müssen und um diese Schmach zu vergessen, notierte er auf ein Blatt „Lampe unbedingt vergessen“ und legte es sich auf seinen Nachttisch, um immer wieder an das Vergessen erinnert zu werden. Was paradox klingt, gewinnt aus heutiger Sicht nachvollziehbare Berechtigung. Auch wenn der arme Lampe nicht für die Geldnot verantwortlich war...

 

2. Nach den neuesten Erkenntnissen der Gehirnforschung (vgl. Spitzer „Geist und Gehirn, Folge „Frontalhirn an Mandelkern“) können Sie – wie oben beschrieben - auch Ärger vergessen, indem Sie bewusst bei ärgerlichen Situationen Ihr Frontalhirn als „Bollwerk“ einschalten: „Vergiss den Stau, den unfreundlichen Ober, die langsame Ampelschaltung, die Schlange an der Kasse etc.“ Denn je mehr und häufiger wir uns unseren Emotionen freien Lauf lassen und uns über die für sich wertfreie Ampelschaltung oder das Regenwetter ärgern, desto mehr macht es uns schlechte Gefühle. Nach dem Motto: „Was du mit Energie auflädst, nimmt Besitz von dir“, können wir nicht mehr loslassen.

Wenn Sie sich wieder einmal geärgert haben, vermeiden Sie nicht nur daran zu denken, sondern auch darüber zu sprechen. Denn je häufiger wir negative Erlebnisse erzählen, desto tiefer prägen sie sich ein. Hier soll nicht unbedingtem positiven Denken das Wort geredet werden, sicher gibt es auch Situationen, bei denen man sich zu Recht ärgern kann und auch etwas tun sollte – z.B. bei defekter Ware, die reklamiert werden muss -, aber entscheiden Sie, wofür Sie Ihre Energie einsetzen und wofür Sie sie nicht mehr „verschwenden“ wollen.

 

3. Die Informationsmenge verdoppelt sich heute in Abhängigkeit von der Branche durchschnittlich alle 3-5 Jahre, wir müssen also verstärkt darauf achten, was wir in unseren Kopf „reinlassen“ und was nicht. Deshalb ist es so wichtig, dass wir unser Gehirn „instruieren“, was es speichern soll und was nicht bzw. was wir „entlernen“ wollen. Erstellen Sie eine Liste der Dinge, die Sie interessieren und die Sie lernen wollen und die in Zukunft gespeichert werden sollen. Was brauchen Sie nicht (mehr)? Stress entsteht für viele durch den „Overload“, durch eine Überfrachtung mit Informationen. Der flotte Spruch „Wer für alles offen ist, ist nicht ganz dicht“ beschreibt es treffend: keine Selbstbeschränkung führt zu zunehmender Verwirrung.

 

4. Insbesondere Fernsehen und Internet verführen uns immer wieder zu mehr Aufnahme als möglicherweise für uns zuträglich ist. Auch hier hilft nur aktives Filtern: bestimmen Sie, welche Programme, Sendungen, Themen, Dateien ihr Gehirn „fluten“ dürfen und welche nicht. Definieren Sie, womit Sie Ihrem Gehirn stattdessen Nahrung geben. Vergessen Sie nicht, es will zwar „arbeiten“, aber auch „unterhalten“ werden. Die Mischung macht´s: also statt Fernsehen Vokabeln pauken ist vermutlich keine attraktive Alternative. Einen Film auf Englisch zu sehen, wäre ein charmanter Kompromiss. Notieren Sie sich 10 weitere Ideen, wie Sie Ihre Lernwünsche kreativ realisieren wollen.

 

 
 
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